Thilo Klütsch und die verletzte Landschaft
Der Kölner Künstler und Umweltaktivist malt dort, wo Natur unter Druck steht. Ein Gespräch über Kunst, Protest und Verantwortung
Kalte Luft, feuchter Waldboden, irgendwo knackt ein Ast. In solchen Momenten malt Thilo Klütsch am liebsten. Nicht im Atelier, sondern draußen, oft dort, wo Konflikte um Natur gerade eskalieren. Klütsch ist Künstler und Umweltaktivist, in Köln verwurzelt und in Nordrhein-Westfalen unterwegs.
Das Interview zeigt, wie aus einem Freiwilligenjahr in Nepal, Begegnungen in der Hamburger Kunstszene und Erfahrungen an Protestorten eine eigene künstlerische Handschrift entstanden ist. Im Mittelpunkt steht eine Arbeitsweise, die bewusst reduziert ist: Holzbrett statt Leinwand, Malspachtel als zentrales Werkzeug, der Moment vor Ort als entscheidender Faktor. Und eine Haltung, die aus Beobachtung wächst.
Das Gespräch öffnet einen klaren Blick auf die Verbindung von Kunst und Umweltengagement. Es zeigt, welche Rolle Bilder in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen spielen können, warum Details wie Flechten an Bäumen oder scheinbar unscheinbares Grün am Straßenrand Bedeutung haben und wie Malerei als stilles, aber wirksames Mittel der Transformation funktionieren könnte.
Herkunft der Haltung: Wege in Kunst und Aktivismus
Koeln-Magazin.de: Thilo, wo beginnt Deine Geschichte als Umweltaktivist und Künstler?
Thilo Klütsch: Das Interesse war eigentlich immer da. Schon als Kind habe ich politische Zeichnungen gemacht. Richtig prägend war dann mein Freiwilliges Soziales Jahr 2015 in Nepal. Dort war Umweltverschmutzung allgegenwärtig. Das war viel direkter sichtbar als hier. Danach war klar, dass Umweltfragen kein fernes Problem sind, sondern auch direkt vor der eigenen Haustür beginnen.
Koeln-Magazin.de: Was hast Du in Nepal gemacht und was hast Du daraus mitgenommen?
Thilo Klütsch: Ich habe sieben Monate an einer Schule unterrichtet, Englisch und einfache Computerkenntnisse. Neben dem Unterricht habe ich viel beobachtet. Wie Menschen lernen, wie sie mit Ressourcen umgehen müssen. Diese Erfahrungen haben meinen Blick geschärft und mein Verständnis dafür, wie eng soziale Fragen und Umweltfragen miteinander verbunden sind.
Koeln-Magazin.de: Nach Deiner Rückkehr ging es weiter nach Hamburg. Warum?
Thilo Klütsch: In Hamburg habe ich ein Praktikum bei der Millerntor Gallery gemacht, im Umfeld von Viva con Agua. Dort habe ich erlebt, wie Kunst gesellschaftliche Themen transportieren kann, ohne belehrend zu sein. Diese Mischung aus Offenheit, politischem Anspruch und Kreativität hat mich stark geprägt.
Kunst am Konfliktort: Präsenz, Begegnung, Wirkung
Koeln-Magazin.de: Du malst oft direkt an Protestorten. Warum ist Dir dieser Ort so wichtig?
Thilo Klütsch: Weil dort alles zusammenkommt. Aktivistinnen und Aktivisten, Anwohnerinnen und Anwohner, Polizei, Unternehmen. Die Mahnwachen sind Begegnungsräume. Wenn ich dort male, bin ich Teil dieses Raumes, nicht Beobachter von außen.
Koeln-Magazin.de: Beeinflussen die Spannungen vor Ort Deine Arbeit?
Thilo Klütsch: Die Situation ist manchmal angespannt, aber das fließt nicht als Aggression ins Bild. Es geht eher um Aufmerksamkeit und Präsenz. Malen ist für mich eine ruhige Handlung in einem konfliktreichen Umfeld.
Koeln-Magazin.de: Gab es Begegnungen, die Dich besonders geprägt haben?
Thilo Klütsch: Ja, vor allem Gespräche mit indigenen Aktivistinnen und Aktivisten. Ein Satz ist mir im Gedächtnis geblieben: You are the warrior who paints the wound. Das hat mir gezeigt, dass Kunst eine Form des Sichtbarmachens ist, kein Angriff, sondern ein Zeigen.
Koeln-Magazin.de: Welche Motive entstehen an solchen Orten?
Thilo Klütsch: Viel Natur, oft Bäume. Ein frühes Bild war die „Beluga II“, ein Greenpeace-Schiff, das 2019 in Köln Müll aus dem Rhein gesammelt hat. Mich interessieren aber auch lokale Konflikte, etwa das Gremberger Wäldchen oder Flächen, die als Seitengrün abgetan werden, obwohl dort alte Bäume stehen.
Koeln-Magazin.de: Was sollen die Bilder bei den Menschen auslösen?
Thilo Klütsch: Erst einmal ein Innehalten. Wenn jemand vor einem Bild steht und merkt, dass es genau hier entstanden ist, entsteht ein anderes Gespräch. Es geht nicht darum zu überzeugen, sondern den Blick zu öffnen.
Handschrift und Philosophie: Material, Technik, Transformation
Koeln-Magazin.de: Deine Bilder entstehen fast immer draußen. Warum?
Thilo Klütsch: Weil das Licht, die Temperatur und die Umgebung Teil des Bildes sind. Ich arbeite ohne Fotos, ohne Skizzen. Das Bild entsteht im Moment und bleibt so, wie es dort geworden ist.
Koeln-Magazin.de: Du malst häufig auf Holz. Was bedeutet Dir dieses Material?
Thilo Klütsch: Holz ist mehr als ein Malgrund. Oft sind es gefundene Bretter. Dieses Material könnte verbrannt werden oder auf einer Barrikade landen. Durch das Bild bekommt es eine andere Funktion. Ich verstehe das als Transformation.
Koeln-Magazin.de: Welche Technik verwendest Du dabei?
Thilo Klütsch: Ich arbeite viel mit dem Spachtel, direkt auf dem Holz. Die Farben mische ich auf der Oberfläche, nass in nass. Beim Pressen entstehen Licht und Tiefe. Zufälle gehören dazu. Ein rostiger Nagel kann eine Spur hinterlassen, die Teil des Bildes wird.
Koeln-Magazin.de: Warum spielen Bäume und Flechten eine so große Rolle?
Thilo Klütsch: Bäume sind für mich keine Kulisse, sondern Gegenüber. Im Winter zeigen sie ihre Struktur besonders deutlich. Flechten faszinieren mich, weil sie ihre Farbe wechseln und zeigen, wie anpassungsfähig Natur ist. Solche Details erzählen viel über Kreisläufe und Grenzen.
Koeln-Magazin.de: Wie passt Deine Kunst in Deinen Alltag und Lebensweg?
Thilo Klütsch: Ich lebe nicht ausschließlich von der Kunst. Parallel mache ich eine Ausbildung als Zweiradmechatroniker. Das gibt mir Freiheit. Wichtig ist mir, dass die Kunst ehrlich bleibt und sichtbar wird, zum Beispiel über Ausstellungen wie „Lützer Art“, die an verschiedenen Orten gezeigt wurde.
Das Gespräch führte Ertay Hayit (Chefredakteur Koeln-Magazin.de)
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