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Alles paletti – oder das Ende der Mythen um den kölschen Dialekt

Buch-Neuerscheinung im Greven Verlag: „Alles paletti? Migration und Sprache an Rhein und Ruhr"

Migration ist das Thema der Stunde. »Seit gut 50 Jahren kommen Migranten nach Deutschland« liest man etwa im Internet. Seit 50 Jahren? Darüber kann man im Rheinland eigentlich nur schmunzeln. Selbst wenn man lediglich die neuere Migrationsgeschichte betrachtet, so ist die »polnische Invasion« ins Ruhrgebiet 125 Jahre alt, und über 100 000 Italiener waren schon lange vor dem Ersten Weltkrieg als Bauarbeiter im Rheinland tätig.

Aber streng genommen ist die gesamte Historie des Rheinlands eine einzige Migrationsgeschichte – angefangen bei den Kelten oder Galliern über die Römer und Germanen bis zu jüdischen Einwanderern, Franzosen, Spaniern oder Niederländern.

Migranten aus der Türkei, dem Balkan oder der Levante sind hier lediglich das Ende einer langen Kette. Davon erzählt Peter Honnen vom LVR-Institut ­für Landeskunde und Regionalgeschichte in seinem neuesten Buch »Alles paletti? Migration und Sprache an Rhein und Ruhr«, das er heute im Greven Verlag Köln vorstellte.

Das Rheinische gilt gemeinhin als sprachlicher Schmelztiegel und Beweis für gelungene Integration. Wörter wie Fisematenten, Fisternöll und Kumpel sind angeblich sprachliche Zeugen der Verbrüderung von napoleonischen Soldaten mit Rheinländerinnen und der Solidarität der Bergarbeiter im Ruhrpott mit polnischen Zugewanderten.

Peter Honnen begibt sich auf die Suche nach den Wurzeln dieser weitverbreiteten Mythen von rheinischer Toleranz und Offenheit. Was er allerdings findet, sind mittelalterliche Sprachinseln und aktuelle Dialektinseln als Ergebnis von Ausgrenzung. Er stößt auf französische Lehnwörter als Spielball politischer Sprachmoden, eine Ruhrgebietssprache ganz ohne polnisches Erbe und eine Fülle von jiddischen und rotwelschen Lehnwörtern wie Kohldampf, Großkotz, Knast, Miesen, schäkern, verschütt gehen, verratzt, verkohlt oder Lauschepper, die jedoch kaum als Zeugnisse für ein Miteinander taugen. »Alles paletti?« ist deshalb zweierlei: die erste Geschichte der vielen Migrantensprachen im Rheinland von der Antike bis heute und eine notwendige Klarstellung.

All die rheinischen Sprach- und Wortgeschichten, denen Peter Honnen nachspürt, gehören zur jahrtausendealten rheinischen Migrationsgeschichte. Die heute oft gefürchteten »Parallelgesellschaften« hat es hier immer schon gegeben – ohne dass sie allzu großes Aufsehen erregt hätten.

Als frühestes Beispiel nennt Peter Honnen die Nachfahren gallo-romanischer Winzer, die über Jahrhunderte an der Mosel inmitten deutscher, sprich: fränkischer Nachbarn gelebt und Romanisch gesprochen haben. Im 18. Jahrhundert waren es Armuts- und Religionsflüchtlinge aus der Pfalz, die sich am Niederrhein bei Kalkar ansiedelten und dort bis heute in ihrer Kolonie Pfälzisch sprechen.

In »Alles paletti?« erweitert Peter Honnen die aktuelle Diskussion über »Parallelgesellschaften« und die »Bedrohung« für die deutsche Sprache durch Migrantensprachen oder Anglizismen um eine historische Dimension und verhilft so zu mehr Gelassenheit und Offenheit gegenüber diesem umstrittenen Thema.  

Der Autor:
Peter Honnen (geb. 1954) ist Sprachwissenschaftler im LVR-Institut ­für Landeskunde und Regionalgeschichte in Bonn und Autor zahlreicher Bücher zur rheinischen Sprache. »Kappes, Knies und Klüngel« und »Alles Kokolores?« (beide im Greven Verlag Köln erschienen) haben mehrere Auflagen erfahren.

Alles paletti?
Migration und Sprache an Rhein und Ruhr

Peter Honnen
Eine Veröffentlichung des LVR-Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte
80 Seiten
Klappenbroschur, 12,5 x 20,5 cm, 8,90 Euro
ISBN 978-3-7743-0655-4

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