Was heute selbstverständlich klingt, war Mitte der 1980er-Jahre ein Bruch mit Konventionen: Geschichte aus weiblicher Perspektive öffentlich zu erzählen. Am 8. Mai 1986 gründeten neun Frauen den Kölner Frauengeschichtsverein mit dem klaren Ziel, die bislang oft übersehene Hälfte der Bevölkerung sichtbar zu machen.
Seitdem haben Historikerinnen und historisch Interessierte über 40 Jahre lang ein vielfältiges Programm mit Stadtspaziergängen, Führungen durch Kirchen, durch Museen und auf Friedhöfen auf die Beine gestellt. Die Themen reichen von Hexenverfolgung, Migration und Kolonialismus bis hin zu Religion, Geld und Literatur. Auch Täterinnen im Nationalsozialismus, lesbisch-queere Biografien oder typisch kölsche Krätzjer werden thematisiert. Und jedes Jahr werden neue Führungen angeboten.
Dabei geht es längst nicht nur um Rückblicke. Der Verein mischt sich aktiv in aktuelle Debatten ein, setzt sich für mehr Sichtbarkeit von Frauen im öffentlichen Raum ein – etwa durch Straßenbenennungen oder Figuren am Kölner Rathausturm – und positioniert sich klar gegen rechte und menschenfeindliche Tendenzen. Auch bei der zentralen Gedenkveranstaltung zum Auschwitz-Tag in Köln übernehmen Vereinsmitglieder regelmäßig eine tragende Rolle.
Ein weiteres Herzstück ist das stetig wachsende Archiv. Mit über 100 Beständen dokumentiert es die Neue Frauen-, Lesben- und Migrantinnenbewegung in Köln. Neben klassischen Quellen wie Flugblättern, Fotos und Nachlässen zählen dazu auch Tondokumente und Zeitzeuginnen-Interviews, die digital zugänglich sind. Der Verein setzt bewusst auf neue Formate: Ein eigenes Wiki, eine App zu jüdischen Frauen in Köln sowie die Mitarbeit am digitalen Frauen*Stadtplan zeigen, wie historische Bildungsarbeit heute aussehen kann.
Zum runden Geburtstag macht sich der Verein selbst ein Geschenk mit dem Buch „Objekte in Bewegung“. Darin werden ausgewählte Schätze aus dem Archiv und der Bibliothek präsentiert, konzipiert von der Vereinsgründerin Irene Franken und fotografisch in Szene gesetzt von Rendel Freude.
Mit einem Sonderprogramm aus zusätzlichen Veranstaltungen, darunter ein Drei-Generationen-Gespräch, die Präsentation neuerer Archivbestände in Wort, Bild und Ton, ein literarischer Streifzug mit Autorinnen, die nach Köln reisten, ein Vortrag über erste (Kölner) Historikerinnen, ein Workshop zum Widerstand von Kölnerinnen in der NS-Zeit und ein vergnüglicher kölscher Abend zu der Frage: Wie hätte sich der Karneval entwickelt, wenn Frauen 1823 das Sagen gehabt hätten?