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Kölnische Rundschau: Zwischen Karneval und Kündigung

Wenige Tage nach Wieverfastelovend folgt die Hiobsbotschaft. Köln verliert eine unabhängige Lokalredaktion. 50 Medienschaffende stehen vor dem Aus.

Zeitungssterben in Köln. Ein Traditionsblatt verschwindet als eigenständige Stimme. Mehr als 80 Jahre nach ihrer ersten Ausgabe steht die Redaktion der Kölnische Rundschau vor dem Aus. Der Heinen-Verlag zieht sich zum 31. März 2026 aus dem Zeitungsgeschäft zurück. Künftig soll die Marke von DuMont mit Inhalten des Kölner Stadt-Anzeiger produziert werden. Eine eigene Lokalredaktion wird es nicht mehr geben.

Für die rund 50 Redakteurinnen und Redakteure sowie Medienschaffenden soll die Nachricht ohne Vorwarnung gekommen sein. Auf einer kurzfristig einberufenen Betriebsversammlung sollen sie von ihren Kündigungen erfahren haben.

Kündigungen und scharfe Kritik

Der Deutsche Gewerkschaftsbund Region Köln Bonn spricht von einem „schlechten Tag für Meinungsvielfalt in der Kölner Region“. In einer Presse-Mitteilung heißt es, wo noch vor wenigen Tagen mit Dreigestirn und Prominenz Wieverfastelovend gefeiert worden sei, seien nun „Tränen der Wut und des Entsetzens“ geflossen.

Tjark Sauer, Geschäftsführer von ver.di Köln Bonn Leverkusen, findet deutliche Worte: „Die Kaltblütigkeit des Vorgehens erinnert fatal an die Schließung der Dumont-Druckerei und die Verweigerung eines Haustarifvertrages beim ‚Bundesanzeiger‘. Besonders enttäuschend, dass der sich als christlicher Verleger verstehende Helmut Heinen sich kaltherzig aus der sozialen Verantwortung für seine Beschäftigten stiehlt.“

Auch Witich Roßmann, Vorsitzender des Deutscher Gewerkschaftsbund Köln Bonn, kritisiert: „Das Mindeste wäre ein Übernahmeangebot an alle Beschäftigten durch den DuMont-Verlag und ein faires Abfindungsprogramm durch den Heinen-Verlag gewesen. Stattdessen heute finsterer Manchesterkapitalismus des 19. Jahrhunderts in Köln.“

Judith Gövert, Geschäftsführerin des DGB Köln Bonn, warnt: „Die Vielfalt in der Kölner Presselandschaft schrumpft, eine eigenständige Stimme in der Kölner Region geht verloren. Ein harter Schlag für den gesamten Lokaljournalismus.“

DJV spricht von „Zombie-Zeitung“

Noch schärfer formuliert es der Deutscher Journalisten-Verband (DJV) NRW. Landesvorsitzende Andrea Hansen erklärt: „Das ist nicht nur für die Kolleg:innen, die quasi über Nacht ihre Lebensgrundlage verlieren, ein schwerer Schlag, sondern auch für die Medienmetropole und Millionenstadt Köln.“

Ab April werde Köln faktisch zur Einzeitungsstadt. „Damit wird die Kölnische Rundschau zur Mogelpackung nach dem Modell Zombie-Zeitung“, kritisiert Hansen. Die Marke bleibe, doch die Inhalte kämen aus einer anderen Redaktion. Wo Konkurrenz fehle, leide die Qualität und damit die Meinungsvielfalt.

Der DJV appelliert an DuMont, „für Nordrhein-Westfalens größte Stadt eine zweite unabhängige Lokalredaktion zu erhalten“. Die geplante Einstellung „einer Handvoll Producer“ sei kein adäquater Ersatz für die Arbeit der entlassenen Kolleginnen und Kollegen.

Oberbürgermeister Burmester zeigt sich besorgt

Auch aus dem Rathaus kommt Kritik. Oberbürgermeister Torsten Burmester erklärt: „Mit großer Sorge habe ich die Ankündigung des Heinen-Verlags zur Kenntnis genommen, sich bereits zum 31. März 2026 aus der Traditionszeitung Kölnische Rundschau zurückzuziehen.“ Die Zeitung habe „die demokratische Meinungsbildung in Köln maßgeblich mitgeprägt“.

Besonders beunruhigend sei die kurzfristige Perspektive des Ausstiegs. „Eine so einschneidende Entscheidung wirft berechtigte Fragen nach der Zukunft der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie nach der Sicherung journalistischer Vielfalt in unserer Stadt auf.“ Sein „ausdrückliches Mitgefühl und meine Solidarität gelten den Beschäftigten“.

Zugleich bedankt er sich bei DuMont „für seine Ankündigung, sich an dieser Stelle ein Engagement vorzustellen“. Er erwarte Transparenz und Verantwortung gegenüber Beschäftigten sowie Leserinnen und Lesern.

80 Jahre Verlagstradition enden

Der Heinen Verlag beendet mit dem Schritt seine publizistischen Aktivitäten. Diese begannen am 19. März 1946 mit der ersten Ausgabe der Kölnischen Rundschau. Bereits 1999 hatte DuMont das Verlagsgeschäft übernommen. Seit 2014 produzierte die Rheinische Redaktionsgemeinschaft die gemeinsamen Umlandausgaben von Rundschau und Stadt Anzeiger. Nun übernimmt DuMont auch den 50 Prozent Anteil des Heinen Verlags an dieser Gesellschaft.

Helmut Heinen war viele Jahre prägende Figur des Hauses. Der DJV appelliert an ihn, seiner sozialen Verantwortung gerecht zu werden.

Auf der Unternehmensseite des Verlags finden sich heute vor allem Hinweise auf Beteiligungen und Immobilien. Beobachterinnen und Beobachter vermuten, dass Grundbesitz oft verlässlicher Renditen abwirft als das schwierige Zeitungsgeschäft. Offizielle Begründungen für den Rückzug sind laut Pressemitteilung des Dumont-Verlages die strukturellen Veränderungen im Medienmarkt.

Eine Millionen-Stadt, aber nur noch eine Zeitungsredaktion

Für Köln bedeutet die Entscheidung einen tiefen Einschnitt. Zwei Lokalredaktionen standen bislang im Wettbewerb. Konkurrenz wirkte wie ein Korrektiv. Sie schärfte Recherche, Kommentar und Ton.

Ab April bleibt in der Millionenstadt nur noch eine eigenständige Lokalredaktion im Tageszeitungsbereich. Die Marke Rundschau soll weiter erscheinen. Doch die Stimmen aus der bisherigen Redaktion verstummen.

In den Redaktionsräumen, in denen noch vor Tagen Karnevalslieder erklangen, herrscht nun Unsicherheit. Zwischen Aktenordnern und Notizblöcken geht es um Existenzen, um Berufsethos und um die Frage, wie wenig Zeitungsvielfalt eine so lebendige Stadt wie Köln aushält.

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