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Julia Franck: Die Mittagsfrau

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Von erblindeten und erkälteten Herzen

lit.Cologne: Julia Franck und „Die Mittagsfrau“

Gespannt erwartete das Publikum am Montag, den 3. März 2008 die Autorin und Trägerin des Deutschen Buchpreises Julia Franck in den Räumlichkeiten des WDR. Gut zwei Stunden lang las die 37-Jährige aus ihrem Roman „Die Mittagsfrau“ und sprach mit Moderatorin Randi Crott über ihr Werk, die Recherchearbeiten, ihre Kindheit und darüber, dass man sich im Leben auf nichts verlassen kann

„Du wartest.“ Dies sind die letzten Worte, die die Mutter Helene zum siebenjährigen Peter sagt, bevor sie ihn am Bahnhof verlässt, um nie wieder zu kommen. So beginnt der Roman „Die Mittagsfrau“ von Julia Franck. Ein Roman über die Erkenntnis, dass es auf nichts im Leben eine Garantie gibt, noch nicht einmal auf die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind.

Mit sanfter aber dennoch fester Stimme liest Julia Franck die erschütternde Passage aus ihrem Buch und schnell wird klar: Sie kann genau so gut vorlesen wie sie schreiben kann. Betretenes Schweigen im Saal, nachdem der letzte Satz verklungen ist und die zierliche Frau mit dem langen dunklen Haar wieder ihren Platz neben der Moderatorin eingenommen hat.

Passend ist die folgende Frage Crotts, wie eine junge Frau mit solcher Tiefe, Detailversessenheit und Empathie über die Abgründe einer Mutter schreiben und diese im Nachhinein für den Leser nachvollziehbar machen kann. Julia Franck erzählt daraufhin, dass es sich bei dieser Szene um eine wahre Begebenheit handelt. Der kleine Peter stellt dabei ihren Vater, den Regisseur Jürgen Sehmisch, dar, den Franck kaum gekannt hat. Genauso wie Peter wurde dieser nach dem Krieg von seiner Mutter am Bahnhof regelrecht ausgesetzt. Während ihrer Kindheit bekam Franck diese Geschichte immer wieder von ihrer Mutter erzählt. Franck dazu: „Bekommt man als Kind eine Geschichte erzählt, entstehen dazu im Kopf lebendige Bilder und man identifiziert sich ganz stark mit der geschilderten Person. Solange ich denken kann, sitze ich im Körper meines Vaters auf diesem Bahnsteig und warte auf meine Mutter.“ Julia Franck legt Wert darauf, dass es sich bei dieser Geschichte um „ihre Vision seiner Erfahrung“ handelt.

Nähe und Distanz – der Vorgang des Schreibens

Intensiv waren die Recherchearbeiten für das Buch. Franck fuhr dafür an den Ort des Geschehens, nach Bautzen. Sie verbrachte viel Zeit im Stadtarchiv, immer auf den Spuren ihrer Familiengeschichte. Dabei kommt man den Protagonisten der Geschichte sehr nah. Franck: „Schreiben ist ein bewegungsreduzierter Vorgang, der mich aber auch körperlich mitnimmt. Und er verlangt auch Distanz.“

Mit dieser Mischung des Ganz-nah-dranseins auf der einen, und dem Distanz-wahren auf der anderen Seite, gelingt es Franck, die Geschichte einer „herzensblinden Mutter“ zu erzählen, deren Verhalten nicht moralisch gerechtfertigt werden kann, aber dennoch für den Leser im Laufe der Geschichte nachvollziehbar wird.

„Erzählen kann lebensrettend sein“

Zum Titel des Buches erklärt Julia Franck, dass es sich bei der Mittagsfrau um eine alte Legende aus der Lausitz handelt. Man erzählt sich, dass immer zur Mittagszeit zwischen 12 und 14 Uhr eine weiße Lichtgestalt mit einer hocherhobenen Sichel erscheint. Sie köpft oder verflucht all die Menschen, welche zur Mittagszeit arbeiten. Die einzige Möglichkeit, ihrem Fluch zu entkommen ist, ihr eine Stunde lang von der Verarbeitung des Flachses zu erzählen. Daraus zieht Franck den Schluss: „Erzählen kann lebensrettend sein“. In ihrem Werk widersetzt sich die Protagonistin Helene diesem Dogma. Sie flüchtet sich ins Schweigen, welches nach und nach zu ihrem Erkalten führt, zur „Erkältung am Herzen“, genauso wie vorher bei ihrer Mutter.

Für Franck stellt Helene aber dennoch kein Scheitern eines Frauenlebens dar: „Es ist in dem Sinne kein Scheitern, sondern es gelingt ihr eine gewisse Form der Emanzipation. Auch handelt sie nicht wirklich verantwortungslos. Sie hat ein durchaus reflektiertes Bewusstsein ihrer eigenen Unzulänglichkeit. Sie denkt, dass es Peter überall besser gehen wird als bei ihr.“

Wohlwollen für Julia Franck

Am Ende der Veranstaltung erhält Julia Franck donnernden Applaus. Es ist offensichtlich, dass die Autorin das Publikum über den Roman hinaus mit ihrer ganzen Ausstrahlung und der Art zu erzählen beeindrucken konnte. Nach ihren Kritikern befragt, sagt Franck: „Kunst bietet immer eine Reibungsfläche. Und natürlich gibt es auch immer Missgunst und Neid. Ich versuche, mich auf das Wohlwollen zu konzentrieren.“ Das Wohlwollen war ihr für diesen Abend garantiert.

Angelique Schnabel

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