Die Digitalisierung durchdringt zunehmend alle Lebensbereiche. Dass dies auch im Sport geschieht, war nur eine Frage der Zeit. eSport ist ein wachsendes Phänomen, das sich völlig selbstverständlich in unsere moderne Zeit einfügt.
Und doch scheinen sportliche Aktivität und die digitale Welt schon immer im Widerspruch zu stehen. Viele pädagogische und medizinische Ansätze propagieren Sport und Bewegung sogar immer noch als eine Art Gegengewicht zur fortschreitenden Digitalisierung, die den Menschen erlahmen lässt. In Köln hat sich ein neuer Verein jetzt auf den Weg gemacht, um die Möglichkeiten des klassischen und des digitalen Sports miteinander in Einklang zu bringen.
So aktuell wie nie
Die Corona-Pandemie hat eine stärkere Verbindung zwischen Sport und Digitalisierung unumgänglich gemacht. Wenn Sportvereine und Sportstätten ihre Tore geschlossen halten müssen, sind Alternativen willkommen. Insbesondere virtuelle Alternativen, die sich mit Social Distancing vereinbaren lassen.
Es lässt sich nicht leugnen: eSport gehört zu den Gewinnern der außergewöhnlichen Umstände, die viele Bereiche des privaten und öffentlichen Lebens seit dem Frühling 2020 vor große Herausforderungen stellen. Viele Schauplätze wurden in den virtuellen Raum verlegt, sogar solche, von denen nur schwer vorstellbar schien, dass sie auch digital funktionieren können. So ist auch das Thema eSport so aktuell wie nie geworden.
„Das Training bei uns funktioniert auch während der Pandemie einwandfrei, denn wir können es ganz leicht online abhalten“, erklärt Marius Loewe im Gespräch mit der Kölnischen Rundschau. Der 26-Jährige studiert an der Kölner Sporthochschule und hat als den Verein „eSports Cologne“ mitgegründet.
Die Inhalte und Themen, für die der erst im Dezember 2020 eingetragene Verein steht, sind nicht neu und auch kein Einzelphänomen. Anknüpfungspunkte im digitalen Bereich gibt es genügend. Die Entwicklung von eSport-Ligen und sportlichen Großevents schreitet immer weiter voran. Die Gamingbranche schlägt nicht erst seit gestern Brücken zum Profisport. Auch der wachsende Markt der Online-Sportwetten bietet zahlreiche Synergiemöglichkeiten. Einige seriöse Wettanbieter haben bereits Interesse an eSports als zukunftsweisendem Trend gezeigt.
Die Aktualität von eSports im Zusammenhang mit der Digitalisierung unserer modernen Gesellschaft ist unumstritten. Dennoch bleibt die Branche seit Jahren hinter ihren zukunftsorientierten Möglichkeiten zurück. Der Grund dafür ist der Widerstand, den die klassische Sportbranche diesem noch recht jungen und kontrovers diskutierten Zweig seit seiner Entstehung beharrlich entgegenbringt.
Die große Sportfrage
Die große Frage, die im Zusammenhang mit eSport von Anfang an im Raum steht, ist: Darf etwas als Sport bezeichnet werden, das nicht vorwiegend auf körperlicher Aktivität basiert, sondern eher bewegungsarm am Bildschirm zelebriert wird? Die Sportbranche ist seit den ersten zaghaften Schritten von eSports darum bemüht, dem Neuankömmling die Akzeptanz als Sport zu verwehren. Die Hürden sind hoch, denn es fehlt hierzulande bislang an verbindlichen Definitionen, Richtlinien und Voraussetzungen. Der Deutsche Olympische Sportbund hat eSports inzwischen immerhin in zwei Kategorien eingeteilt:
- Kategorie 1: „Virtuelle Sportarten“, unter die zum Beispiel digitale Fußballspiele fallen.
- Kategorie 2: „eGaming“, darunter sind Wettkämpfe in Computerspielen zu verstehen.
Über die offizielle Anerkennung als Sport oder gar als olympische Disziplin streiten sich die verschiedenen Institutionen und Entscheidungsträger allerdings immer noch. Während Südkorea bereits 2000 eSport als offizielle Sportart mit staatlicher Anerkennung etabliert hat, ist Deutschland noch weit davon entfernt. Einen Meilenstein auf dem Weg zu Akzeptanz und rechtlicher Anerkennung stellte die Vereinbarung zum Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD dar, die im Februar 2018 verabschiedet wurde. Darin heißt es:
„Wir erkennen die wachsende Bedeutung der E-Sport-Landschaft in Deutschland an. Da E-Sport wichtige Fähigkeiten schult, die nicht nur in der digitalen Welt von Bedeutung sind, Training und Sportstrukturen erfordert, werden wir E-Sport künftig vollständig als eigene Sportart mit Vereins- und Verbandsrecht anerkennen und bei der Schaffung einer olympischen Perspektive unterstützen.“ (Quelle: eSport-Bund Deutschland e. V.)
Konkrete Umsetzungen auf der Basis dieses Zugeständnisses fehlen bislang allerdings weitgehend. Für eSportler und ihre Organisationen hat das weitreichende Folgen, die sich nicht nur auf politische Debatten, Imagekampagnen und rechtliche Auseinandersetzungen zu Begrifflichkeiten erstrecken. Es gibt auch praktische Konsequenzen. So können Vereine im Bereich eSports nach aktueller Rechtslage beispielsweise keine Gemeinnützigkeit anmelden. Hier fehle dem Gesetzgeber zufolge die Anschlussfähigkeit zu klassischen Sportvereinen, die eine Gemeinnützigkeit rechtfertigt.
Auch der Verein „eSports Cologne“ hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, die Branche voranzubringen und sich für eine größere Bekanntheit und mehr Akzeptanz einzusetzen. Alles begann an der Sporthochschule Köln unter der Leitung des dort tätigen Dozenten Dr. Ingo Froböse. Gemeinsam mit einer kleinen Gruppe von Interessierten, die der Meinung waren, dass sich Sport und Digitalisierung nicht ausschließen müssen, gründete Froböse bereits 2016 das „Team ECO – eSports Cologne“. 2019 folgte im Zusammenhang mit Team ECO die Gründung von „ECO BLACK“, dem bis zu diesem Zeitpunkt einzigen Team, das sich in Wettkämpfen für „League of Legends“ engagiert. Im selben Jahr starteten mit der Cologne Business School und der TH Köln weitere Hochschul-Initiativen, um in der Uniliga bei „League of Legends“ und „Overwatch“ anzutreten.
Aus der engen Kooperation der drei Hochschulteams konnte zur Saison 2019/2020 der Uniliga die Organisation „eSports Cologne“ gegründet werden, die das Engagement der einzelnen Initiativen koordinieren. Die fünf Gründer aus allen drei Hochschulen haben bereits viel erreicht und konnten unter anderem fünf Hochschulteams für verschiedene Ligen zusammenstellen. Am 8. Dezember 2020 wurde die Organisation zum eingetragenen Verein und zählt inzwischen fast 600 Interessenten. Man möchte für eSport-Fans in Köln und der Region eine Plattform für den Sport schaffen, der neben vielen Trainingsmöglichkeiten auch eine stärkere Repräsentation bietet. Hierbei soll der Schwerpunkt nicht nur auf dem Leistungssport und dem Einsatz in Wettkämpfen der Profiligen bleiben. Auch ein Angebot für den Unisport soll entwickelt werden, das sich gezielt an Gelegenheitsspieler und Einsteiger im Bereich eSports richtet. Damit könnte eSports auch einen festen Platz im Unisport erhalten und ein noch breiteres Publikum ansprechen.
eSportler trainieren hart und diszipliniert
Der Ruf von eSportlern steht noch immer weit hinter dem von Akteuren in klassischen Sportarten zurück. Zu hartnäckig hält sich das Vorurteil, dass Computerspiele keine besonderen Fähigkeiten, keine körperliche Fitness und keine Disziplin erfordern. Dabei gibt es zahlreiche Parallelen zwischen eSport und Trainingseinheiten in klassischen Sportarten. Trainiert wird im Team, es gibt regelmäßiges Kräftemessen, spürbare Trainingseffekte, Erfolgserlebnisse und gezielte Trainingspläne. „Für mich ist es egal, ob ich nach der Arbeit Handball- oder E-Sport-Training habe“, erläutert Marius Loewe im Gespräch mit der Kölnischen Rundschau seine eigenen Trainingserfahrungen. „Beides macht mir Spaß und hilft mir dabei, Stress abzubauen."
Um Vorurteile abzubauen und die Akzeptanz von eSport zu erhöhen, hat die Sporthochschule Köln das Forschungsprojekt „eSport Wissen“ ins Leben gerufen. Eine Befragung im Rahmen des Projektes ergab, dass rund 80 Prozent der Teilnehmenden im Schnitt mindestens 2,5 Stunden pro Woche körperlich aktiv sind, viele von ihnen sogar deutlich darüber hinaus. Außerdem hat regelmäßiges Training im Bereich eSport durchaus einen positiven Effekt auf die körperliche Fitness im Bereich der motorischen Fähigkeiten. Professionelle eSportler können wissenschaftlichen Erkenntnisse zufolge bis zu viermal mehr Bewegungen an der Maus und der Tastatur ausführen als ein untrainierter Mensch.
Dem gegenüber stehen die körperlichen Nachteile, die durch eine überwiegend sitzende Tätigkeit entstehen. Befragungen ergaben außerdem, dass eSportler aufgrund ihrer speziellen Trainingssituation im Schnitt ein geringeres Schlafpensum erreichen als andere Menschen. Diese Defizite können durch gezielte und abwechslungsreiche Trainingseinheiten ausgeglichen werden, die in Kooperation mit Sportmedizinern und Physiotherapeuten speziell auf die körperlichen und kognitiven Anforderungen von eSportlern abgestimmt werden.
Der soziale Aspekt gehört dazu
Wer viel am Computer sitzt, ist isoliert und entwickelt soziale Defizite. Auch dieses Vorurteil macht es eSportlern in der modernen Gesellschaft immer noch schwer. Als Verein hat sich eSports Cologne deshalb unter anderem auch den sozialen Aspekten des Vereinslebens verschrieben und fördert ein persönliches und aktives Miteinander. Die Mitglieder und Interessenten verstehen sich als Trainingspartner und Freunde, sowohl vor dem Bildschirm als auch abseits davon. So gehört zum Vereinsleben bei eSports Cologne auch ein persönliches Treffen pro Woche, bei dem sich die Mitglieder austauschen und gemeinsam Sport treiben und sich an Bewegung erfreuen können.