„Manche Dinge sind bei dieser Hitze einfach nicht möglich.“
Kardiologin Petra Weßling über heiße Patientenzimmer, belastete Herzen und den Hitzeschutz in Köln
Im Sommer 2026 kamen deutlich mehr Menschen mit Kreislaufproblemen, Nierenversagen und Bewusstseinsstörungen in die Notaufnahme des Krankenhauses Porz am Rhein. Dr. Petra Weßling hat erlebt, was große Hitze für Patientinnen und Patienten bedeutet. Die leitende Oberärztin der Kardiologie sah aber noch ein anderes Problem: Die Hitze staute sich in Patientenzimmern und Büros. Ärztinnen, Pfleger und andere Beschäftigte mussten trotzdem weiterarbeiten.
Im Interview mit Koeln-Magazin.de erklärt Weßling, welche Auswirkungen hohe Temperaturen auf den Körper haben, wer besonders gefährdet ist und was Herzkranke bei ihren Medikamenten beachten müssen. Sie spricht über Sport bei Hitze, Warnzeichen und den richtigen Zeitpunkt für den Notruf. Und darüber, warum Köln und seine Krankenhäuser auf weitere heiße Sommer vorbereitet sein müssen.
„Wir hatten deutlich mehr Patientinnen und Patienten.“
Koeln-Magazin.de: Frau Dr. Weßling, was haben Sie im Sommer 2026 ganz konkret im Krankenhaus erlebt?
Dr. Petra Weßling: Wir hatten in der Notaufnahme ein deutlich höheres Patientenaufkommen. Es kamen Menschen mit Bewusstseinsstörungen, Nierenversagen und Kreislaufkollaps, also mit den klassischen Kollapsereignissen bei zu großer Hitze. Das waren deutlich mehr als sonst.
Normalerweise erleben wir eher in den Wintermonaten, dass die Klinik sehr voll wird und wir kaum noch wissen, wohin mit den Patientinnen und Patienten. Dann kommen viele Menschen mit Atemwegsinfekten. Eine solche Überfüllung im Sommer ist ungewöhnlich. Im Sommer 2026 haben wir das aber schon gemerkt.
Koeln-Magazin.de: Die Hitze war auch in den Patientenzimmern ein Problem. Wie sind Sie damit umgegangen?
Dr. Petra Weßling: In den nichtklimatisierten Patientenzimmern hat sich die Hitze gestaut. Deshalb mussten wir die Temperatur der Patientinnen und Patienten engmaschiger messen und stärker darauf achten, wem es nicht gut geht. Für solche Fälle hatten wir spezielle kühlere Räume eingerichtet und konnten gefährdete Patientinnen und Patienten dorthin bringen.
Gerade bei älteren Menschen muss man genauer hinschauen. Sie dämmern bei großer Hitze manchmal ein bisschen weg. Dann melden sie sich vielleicht nicht und sagen, dass es ihnen schlecht geht. Deshalb mussten wir vermehrt auf die Patientinnen und Patienten achten.
Koeln-Magazin.de: Die Beschäftigten selbst waren der Hitze ebenfalls ausgesetzt. Wie war das für Sie?
Dr. Petra Weßling: Das ist tatsächlich ein Problem. Bei uns sind die OPs und die Eingriffsräume klimatisiert. Das muss so sein. Aber die Büros sind zum Beispiel nicht klimatisiert.
Es fällt einem schon schwer, vernünftig zu denken, wenn man in so einem heißen Büro sitzt. Wir waren trotzdem im gleichen Tritt wie sonst. Viel trinken war wichtig. Aber abends war man deutlich erschöpfter als sonst.
Was große Hitze im Körper auslöst
Koeln-Magazin.de: Was passiert eigentlich im Körper, wenn es über längere Zeit sehr heiß ist?
Dr. Petra Weßling: Unsere Körperkerntemperatur liegt ungefähr bei 37 Grad. Wenn die Außentemperaturen über einen längeren Zeitraum sehr hoch sind, wird der gesamte Körper überwärmt. Er versucht dann, seine Kerntemperatur zu halten und mehr Wärme nach außen abzugeben.
Dazu weiten sich die Blutgefäße. Das bedeutet zunächst, dass der Blutdruck sinkt. Für Menschen, die ohnehin einen niedrigen Blutdruck haben, ist das ungünstig. Es ist auch für Patientinnen und Patienten problematisch, die viele Herzmedikamente einnehmen müssen, weil diese Medikamente in der Regel ebenfalls den Blutdruck senken.
Bei Hitze schwitzen wir auch mehr und verlieren Flüssigkeit. Dieser Flüssigkeitsverlust kann zu einer Nierenschädigung führen, weil die Niere nicht mehr ausreichend durchblutet wird. Auch andere Organe wie Gehirn und Herz können betroffen sein. Das Blut wird durch den Flüssigkeitsverlust dicker. Das ist einer der Gründe, warum bei Hitze vermehrt Herzinfarkte und Schlaganfälle auftreten.
Koeln-Magazin.de: Sind vor allem ältere und kranke Menschen gefährdet?
Dr. Petra Weßling: Die Menschen, die während einer Hitzeperiode ein besonders hohes Risiko haben, schwer zu erkranken oder zu versterben, sind vor allem ältere und schwer kranke Menschen. Aber Hitze betrifft nicht nur diese.
Wir sehen bei Hitze auch mehr Herzinfarkte und Schlaganfälle bei Menschen, die vorher vermeintlich gesund waren. Das sind nicht zwingend alte Patientinnen und Patienten. Auch jüngere Menschen können einen Herzinfarkt erleiden. Letztlich haben alle ein höheres Risiko.
Herzmedikamente bei Hitze: Nicht selbst die Dosis ändern
Koeln-Magazin.de: Viele Herzpatientinnen und Herzpatienten nehmen Medikamente, die den Blutdruck senken. Was müssen sie bei großer Hitze beachten?
Dr. Petra Weßling: Bestimmte Medikamente können bei großer Hitze problematisch werden. Medikamente, die den Blutdruck senken, sind gerade für Menschen mit Herzschwäche sehr wichtig. Bei großer Hitze kann es aber passieren, dass der Blutdruck zusätzlich abfällt und die Patientinnen und Patienten dadurch Kreislaufprobleme bekommen.
Deshalb muss man das wirklich individuell betrachten. Menschen, die viele solcher Medikamente einnehmen, zum Beispiel wegen einer Herzschwäche, sollten frühzeitig mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt besprechen, wie sie sich während einer längeren Hitzeperiode verhalten sollen.
Koeln-Magazin.de: Also keinesfalls selbst entscheiden, eine Tablette wegzulassen?
Dr. Petra Weßling: Nein. Man sollte nicht auf eigene Faust anfangen, Medikamente wegzulassen. Ärztinnen und Ärzte müssen gefährdete Patientinnen und Patienten identifizieren und mit ihnen vorher besprechen, wie sie sich bei großer Hitze verhalten sollen. Man kann zum Beispiel den Blutdruck regelmäßig kontrollieren und rechtzeitig klare individuelle Anweisungen vereinbaren.
Die Medikamente sind aber nur ein Baustein. Wichtig ist zunächst, die Hitze zu meiden. Also aus der Sonne gehen und sich nicht in den Liegestuhl legen und denken: Schön, dass es jetzt so heiß ist. Kühle Räume aufsuchen, kühle Getränke trinken und möglichst keinen Alkohol. Das sind wichtige Maßnahmen, damit der Körper nicht überhitzt.
Sport bei Hitze: Im Zweifel ausfallen lassen
Koeln-Magazin.de: Bewegung ist gerade für Herzpatientinnen und Herzpatienten wichtig. Was gilt an sehr heißen Tagen?
Dr. Petra Weßling: Eigentlich raten wir unseren Herzpatientinnen und Herzpatienten natürlich zu Bewegung. Wenn es aber über 30 Grad warm ist, muss man aufpassen.
Wenn Sport, dann eher morgens früh oder abends spät. Morgens früh ist noch besser.
Koeln-Magazin.de: Und was machen fitte, gesunde Menschen bei Hitze falsch?
Dr. Petra Weßling: Ich glaube, dass wir unserem Körper auch als fitter, gesunder Mensch bei dieser Hitze nicht so viel abverlangen können. Der Körper sendet Signale. Wenn wir merken, dass wir nicht mehr können, müssen wir langsamer machen.
Langsamer machen kann auch heißen, einmal etwas abzusagen. Bei der großen Hitze im Sommer 2026 haben das auch viele gemacht. Wie in Corona-Zeiten. Alles fuhr einen Gang zurück.
Diese Einsicht muss da sein. Manche Dinge sind bei dieser Hitze einfach nicht möglich. Dann muss man sie später machen.
Wenig Urin kann ein Warnzeichen sein
Koeln-Magazin.de: Welche anderen Organe leiden besonders unter der Hitze?
Dr. Petra Weßling: Die Niere ist bei Hitze tatsächlich sehr gefährdet. Wenn der Körper viel Flüssigkeit verliert, wird die Durchblutung schlechter. Dann kann es zu einem Nierenversagen kommen.
Ein wichtiges Warnsignal ist, wenn die Urinausscheidung deutlich abnimmt. Wer das feststellt, sollte umgehend eine Ärztin oder einen Arzt aufsuchen.
Koeln-Magazin.de: Welche anderen Warnzeichen sollten ernst genommen werden?
Dr. Petra Weßling: Wenn man das Gefühl hat, gleich zu kollabieren, wenn es einem sehr schlecht geht und man sich völlig elend fühlt, muss man reagieren. Wichtig ist auch, auf andere Menschen zu achten.
Wenn zum Beispiel ältere Menschen plötzlich verwirrt wirken oder merkwürdige Dinge erzählen, kann das ein Zeichen für eine Dehydratation sein. Dann sollten sie ärztlich untersucht werden.
Koeln-Magazin.de: Wann sollte die 112 gerufen werden?
Dr. Petra Weßling: Wenn man das Gefühl hat, dass man eine Person nicht mehr sicher selbst ins Krankenhaus bringen kann, sollte man auf jeden Fall die 112 anrufen.
Koeln-Magazin.de: Was sind Ihre wichtigsten Empfehlungen für einen sehr heißen Tag?
Dr. Petra Weßling: Einen Gang runterfahren. Das ist das Allerwichtigste. Viel trinken, keinen Alkohol. Kühle Räume aufsuchen und die Sonne meiden.
„Köln ist halt auch eine Asphaltwüste.“
Koeln-Magazin.de: Wie wichtig ist die Umgebung, in der ein Mensch lebt?
Dr. Petra Weßling: Die spielt eine große Rolle. Unsere Städte sind auf diese Hitze nicht ausgerichtet. Überall gibt es Asphaltflächen. Dort staut sich die Hitze.
Wer auf dem Land im Grünen lebt, wo ein bisschen Wind weht und es vielleicht in der Umgebung mehr Gewässer gibt, kommt mit solchen Hitzeperioden besser zurecht. In den Städten ist die Situation schwieriger.
Koeln-Magazin.de: Was müsste sich speziell in Köln ändern?
Dr. Petra Weßling: Wenn Köln grüner wäre, würde das die Erhitzung der Stadt reduzieren. Das ist natürlich nur ein Aspekt, aber ein wichtiger. Wenn man sich allein das Rheinufer anschaut: Was könnte man daraus Schönes machen! Stattdessen ist da viel Beton und wenig Grün.
Wir sind hier in Nordrhein-Westfalen in einem großen Ballungsgebiet mit vielen Städten. Wichtig wären weniger Autos und ein besserer öffentlicher Personennahverkehr, der vielleicht auch kostenlos genutzt werden könnte.
Sind die Krankenhäuser auf weitere Hitzesommer vorbereitet?
Koeln-Magazin.de: Sind die Krankenhäuser aus Ihrer Sicht ausreichend auf solche Hitzeperioden vorbereitet?
Dr. Petra Weßling: Nein, das sind wir nicht. Das Thema ist inzwischen angekommen. Es wird darüber gesprochen, in die Kliniken zu investieren. Das ist gut für unsere Patientinnen und Patienten.
Man muss sich das einmal vorstellen: Ein Mensch kommt ins Krankenhaus, weil er krank ist. Eigentlich sollte er dort in eine Situation kommen, in der es ihm besser geht. Wenn es im Krankenhaus jedoch heißer ist als zu Hause, dann hat man wenig gewonnen.
Koeln-Magazin.de: Was müsste neben dem Hitzeschutz passieren?
Dr. Petra Weßling: Ich würde mir nach diesem sehr heißen Sommer mehr politisches Handeln wünschen. Für die meisten Menschen war das ein harter Sommer.
Es reicht nicht, einfach zu sagen: Wir müssen uns jetzt anpassen und entsprechende Maßnahmen treffen, um damit zu leben.
„Nur wenn die Erde gesund ist, kann auch der Mensch gesund sein.“
Koeln-Magazin.de: Sie sagen, Anpassung allein reicht nicht. Welche Rolle spielt dabei das eigene Verhalten?
Dr. Petra Weßling: Viele Dinge, die dem Klima schaden, sind auch für uns selbst nicht gut. Fliegen, Autofahren, Stress, Zeitnot oder jeden Tag Fleisch zu essen.
Man sollte versuchen, mehr Rücksicht auf sich und die eigenen Bedürfnisse nehmen, sich etwas entstressen und Dinge zu reduzieren, die nicht gut fürs Klima sind. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass unser Leben hier nur funktioniert, wenn auch dieser Planet weiter funktioniert.
„Ich bin eigentlich ein sehr optimistischer Mensch.“
Koeln-Magazin.de: Wenn solche heißen Sommer häufiger werden, was macht diese Aussicht mit Ihnen als Ärztin?
Dr. Petra Weßling: Ich befürchte tatsächlich, dass es so kommt. Wenn man das weiterspinnt und darüber nachdenkt, wie die Zukunft ausshen könnte, dann kann einen das schon depressiv machen.
Das entspricht aber nicht meinee Natur. Ich bin eigentlich ein sehr optimistischer Mensch. Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass wir durch Veränderungen unseres Verhaltens und unserer Lebensweise etwas zum Positiven bewegen können.
Eigentlich müsste man denken: Mensch, der Sommer 2026 war doch ein Denkzettel. Das müsste gewisse Reaktionen hervorrufen. Aber der Sommer ist vorbei und schon interessiert es kaum noch jemanden.
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Das Interview führte Ertay Hayit im September 2026
Zur Person
Dr. Petra Weßling ist leitende Oberärztin der Kardiologie am Krankenhaus Porz am Rhein. Zu ihren fachlichen Schwerpunkten gehören die Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und die Prävention. Zudem beschäftigt sie sich mit den gesundheitlichen Folgen großer Hitze und der Klimakrise.
Herz- und Gefäßtag in Köln
Dr. Petra Weßling spricht beim Herz- und Gefäßtag auch über die Risiken sommerlicher Hitze für Herzkranke. Die Veranstaltung findet am Samstag, 26. September 2026, von 10 bis 13.30 Uhr im Gürzenich statt. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung nicht erforderlich.
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